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Songs

1: You'd Be So Nice to Come Home To

„You'd be so nice to come home to“ – mehr eine Klage als eine Feststellung, wollen wir doch alle meistens zu jemandem nach Hause kommen, den oder die wir „nice“ finden, während wir vereinzelt und vereinsamt eher unseren parasozialen, digitalen Unverbindlichkeiten auf den Leim gehen. Der Song stammt aus der Feder von Cole Porter und wurde von diesem für den Film „Something to Shout About“ (1943) komponiert, lange bevor sich die Menschheit kollektiv dem heutigen quasi-eremitischen Dasein verschrieben hatte. Als Klage enthält er aber dankenswerter Weise auch einen kleinen Reminder an uns Spätgeborene: esse est percipi, Sein ist Wahrgenommenwerden.

2: In The Wee Small Hours Of The Morning

Die Legende besagt, dass die Schöpfer des Klassikers „In the Wee Small Hours of the Morning“, David Mann und Bob Hilliard, nach nächtelangem Kartenzocken in den frühen Morgenstunden im Frühjahr 1955 – das Jahr der Gründung des Warschauer Paktes und des Beitritts der Bundesrepublik Deutschland zur NATO –, von der politischen Großwetterlage vollkommen unbeeindruckt, einen Song auf ein Blatt Papier kritzelten und diesen am folgenden Tag niemand anderem als Frank Sinatra bei einem Kaffeepläuschen zugesteckten. Sinatra machte es kurzerhand zum Titelsong seines neuen Albums („In the Wee Small Hours“). Die Ballade ist, anders als eine der möglichen Übersetzungen des Wörtchens „Wee“ suggerieren könnte („Pipi“), von fröhlich-anmutiger Klarheit und Sentimentalität geprägt. Ein Song zum Aufstehen, oder, wie Mann und Hilliard es vermutlich getan haben werden, zum Zubettgehen, ein Song für die frühen Morgenstunden allemal. Und doch, pinkeln müssen die meisten, wir von jazz24 jedenfalls ganz sicher, morgens in der Regel durchaus dringend. Eine Prostatavorsorgeuntersuchung sei an dieser Stelle allen, die eine Prostata besitzen, wärmstens nahegelegt.

3: Keep me in mind

„Keep me in mind“ ist ein Song und eine Drohung zugleich. Als der Gitarrist John Scofield diesen und alle weiteren Songs des Albums „Meant to Be“ 1990 komponierte bzw. zusammenstellte, muss er, so lassen auch die Titel „Go Blow“ oder „Some Nerve“ verhalten vermuten, einen einigermaßen angefressenen Gemütszustand gehabt haben. An wen sich die Drohung aber richtete, ob fiktional oder faktisch, darüber lässt sich natürlich nur spekulieren. Wer den Song hört, wird jedenfalls ein Gefühl dafür bekommen, wie sich die Komplexität des Angefressenseins, der Säuregehalt seelischer Gereiztheit musikalisch einfangen lässt (Stichwort Basenbildung).

4: Not Knowing

„Not Knowing“ des Berliner Kontrabass-Großmeister Dirk Strakhof entstand als musikalische Reaktion auf die uns allen noch viel zu präsente Corona-Pandemie. Der Song ist der geißelnden Ungewissheit gewidmet, die das, allem gegenteiligen Bemühen zum Trotz, unübersichtliche Infektionsgeschehen des Alltags und damit den Alltag selbst strukturierte. Das epistemische Problem, nicht zu wissen, wie es einerseits (global-)gesellschaftlich weitergehen würde, welche gesundheitlichen Gefahren andererseits bei jedem nächsten zwischenmenschlichen Kontakt Aufwartungen machen könnten, wird in diesem Song verarbeitet. Es ist aber zugleich ein Song, der an sokratische Mäßigung appelliert, denn was das pandemische Chaos einmal mehr offenbarte, war die Schamlosigkeit, die Scharlatanerie und der Opportunismus selbsternannter Welterklärer.

5: Red Baron

„Red Baron“ des legendären Schlagzeugers Billy Cobham wurde erstmalig 1973 auf Platte gepresst. Ob es dem berühmt-berüchtigten Jagdflieger des 1. Weltkriegs Manfred von Richthofen, genannt der Rote Baron, gewidmet ist, sollte Cobham bei Gelegenheit gefragt werden. Der Song vereint jazzige, funkige und rockige Rhythmen – ein fein abgestimmtes Bouquet und Klassiker des Fusion-Jazz.

6: Seven Minds

Sam Jones war nicht nur ein begnadeter Bassist, sondern als solcher auch ein Wanderpokal. Er spielte u.a. mit Cannonball Adderley, Oscar Peterson, Dizzy Gillespie, Thelonious Monk, Barry Harris, Bill Evans, Cedar Walton und vielen anderen bekannten Gurus der Jazzgeschichte. Mit Standards wie „Del Sasser“, „O.P.“ und „Seven Minds“ machte er sich darüber hinaus aber auch als Komponist und Bandleader einen Namen. „Seven Minds“ ist ein Song voller Symbolik: die Zahl sieben ist nicht nur tief in der religiös-spirituellen Menschheitsgeschichte verwurzelt, sie steht zugleich auch für die sieben Töne der diatonischen Tonleiter. Die Antike sah darin eine kosmische Entsprechung, den Klang der Sphären. Obwohl nicht unbedingt „sphärisch“, „Seven Minds“ ist mit Sicherheit ein Song kosmischer Ordnung. Jones selbst verließ bereits mit 57 Jahren seinen irdischen Körper und sublimierte sich ins Reich des Übernatürlichen; er starb an Lungenkrebs (Rauchen ist tödlich!).